Das Spermiogramm (Samenanalyse) ist die erste und aussagekräftigste Untersuchung zur Beurteilung der männlichen Fruchtbarkeit. Es misst, wie viele Spermien vorhanden sind, wie gut sie sich bewegen und wie viele eine normale Form haben. Ein Laborbefund voller Prozentzahlen und Abkürzungen kann jedoch verwirrend sein. Dieser Leitfaden erklärt Schritt für Schritt, was die einzelnen Werte nach dem Handbuch der Weltgesundheitsorganisation (WHO), 6. Auflage (2021) bedeuten – und welche Möglichkeiten Sie haben, wenn die Ergebnisse unter den Referenzgrenzen liegen.
Die Untersuchung richtig durchführen
Die Aussagekraft eines Spermiogramms hängt unmittelbar davon ab, wie die Probe gewonnen und verarbeitet wird:
- Karenzzeit: Vor der Untersuchung werden 2 bis 7 Tage sexuelle Karenz empfohlen.
- Probengewinnung: Die Probe sollte idealerweise durch Masturbation in einem sterilen Behälter im Labor gewonnen werden; zu Hause gewonnene Proben müssen innerhalb von 30 Minuten das Labor erreichen.
- Vollständige Probe: Das gesamte Ejakulat muss aufgefangen werden – geht der erste Anteil verloren, verfälscht das die Ergebnisse erheblich.
- Akkreditiertes Labor: Die Analyse sollte in einem erfahrenen Labor nach WHO-Standards erfolgen.
- Kontrolluntersuchung: Wird ein auffälliger Befund erhoben, sollte die Untersuchung nach 2–4 Wochen wiederholt werden, bevor eine Diagnose gestellt wird.
Anzahl, Beweglichkeit und Form
Spermienkonzentration
Nach den Kriterien der 6. WHO-Auflage gilt ein Befund von 16 Millionen Spermien pro Milliliter oder mehr sowie insgesamt 39 Millionen oder mehr pro Ejakulat als normal. Eine Anzahl unterhalb dieser Grenzen wird als Oligozoospermie bezeichnet; das vollständige Fehlen von Spermien im Ejakulat heißt Azoospermie – ein Zustand mit eigenen Behandlungswegen, die wir in unserem Beitrag zu Azoospermie und Mikro-TESE erläutern.
Spermienbeweglichkeit
Die Motilität beschreibt, wie sich die Spermien bewegen. Progressive Motilität bedeutet, dass die Spermien sich aktiv geradlinig vorwärtsbewegen; die Gesamtmotilität umfasst sowohl progressive als auch nicht progressive Bewegung. Die Referenzgrenzen der 6. WHO-Auflage liegen bei ≥ 30 % progressiver Motilität und ≥ 42 % Gesamtmotilität. Eine verminderte Beweglichkeit wird als Asthenozoospermie bezeichnet.
Spermienmorphologie
Die Morphologie beurteilt, ob Kopf, Mittelstück und Schwanz der Spermien strukturell normal sind. Nach den strengen (Kruger-)Kriterien gilt ein Ergebnis von ≥ 4 % normal geformten Spermien als im Referenzbereich. Ein niedrigerer Anteil wird als Teratozoospermie bezeichnet.
Die Referenzwerte der 6. WHO-Auflage auf einen Blick
- Ejakulatvolumen: ≥ 1,4 mL
- pH-Wert: ≥ 7,2
- Spermienkonzentration: ≥ 16 Millionen/mL
- Gesamtspermienzahl: ≥ 39 Millionen pro Ejakulat
- Gesamtmotilität: ≥ 42 %
- Progressive Motilität: ≥ 30 %
- Vitalität: ≥ 54 %
- Morphologie (Kruger): ≥ 4 % normale Formen
- Leukozyten: < 1 Million/mL
- Verflüssigung: innerhalb von 30 Minuten
Wichtig ist: Diese Zahlen sind Anhaltspunkte, keine Urteile. Sie entsprechen der 5. Perzentile fruchtbarer Männer – ein Wert unterhalb einer Grenze senkt die Wahrscheinlichkeit einer natürlichen Empfängnis, begründet für sich allein aber noch keine Unfruchtbarkeitsdiagnose.
Was tun bei auffälligen Ergebnissen?
Weiterführende Abklärung
- Urologische Vorstellung: körperliche Untersuchung, Abklärung von Varikozele und Hodenhochstand
- Hormonuntersuchungen: Testosteron-, FSH-, LH- und Prolaktinspiegel
- Genetische Untersuchungen: Karyotyp-Analyse und Screening auf Mikrodeletionen des Y-Chromosoms
- Ultraschall des Hodensacks
- Urinuntersuchung nach der Ejakulation zur Abklärung einer retrograden Ejakulation
Behandlungsmöglichkeiten
Änderungen des Lebensstils – Verzicht auf Rauchen und Alkohol, ausgewogene Ernährung, regelmäßige Bewegung, ein gesundes Körpergewicht, Stressbewältigung und das Vermeiden von Hitzeeinwirkung – können die Spermienqualität innerhalb von etwa drei Monaten messbar verbessern, denn so lange dauert die Spermienbildung.
Die medikamentöse Behandlung richtet sich gegen hormonelle Störungen und Infektionen, während eine Operation eine Varikozele oder einen Verschluss der Samenwege beheben kann. Bleibt eine natürliche Empfängnis unwahrscheinlich, kommt die assistierte Reproduktion ins Spiel: die intrauterine Insemination (IUI) bei leichten Auffälligkeiten, die IVF mit ICSI (Mikroinjektion) bei ausgeprägtem männlichem Faktor und die operative Spermiengewinnung (TESA / TESE / Mikro-TESE), wenn im Ejakulat keine Spermien gefunden werden.
Ein auffälliges Spermiogramm ist der Beginn eines diagnostischen Weges und nicht das Ende der Straße. Mit den heutigen Behandlungsmöglichkeiten kann die große Mehrheit der Paare mit männlichem Faktor dennoch eine gesunde Schwangerschaft erreichen. Wenn Sie Ihre Befunde von unserem Team unter der Leitung von Prof. Dr. Kubilay Vicdan beurteilen lassen möchten, können Sie ein kostenloses Erstgespräch vereinbaren.
